Mittwoch, Februar 14, 2007

14. Februar: Valentin oder Symeon?


Reichenauer Buchmalerei des 11.Jh. (Cod.78 A 2, Berlin)

Der Valentinstag, Fest der Blumengeschäfte, gilt als Fest der Freunde und der Verliebten. St. Valentin war ein frühchristlicher Bischof in Terni in Italien, der an einem 14. Februar den Märtyrertod durch Enthauptung starb. Ist er darum zum Patron der Verliebten geworden? Sich verlieben heisst ja den Kopf verlieren und wenns weiter geht auch noch das Herz, was bekanntlich sowohl zu Glücksgefühlen wie zum Martyrium führen kann! - Aber der 14. Februar berichtet auch sonst von einer Begegnung und einer Liebesgeschichte. Denn am 14.Februar - 40 Tage nach dem frühchristlichen und dem orthodoxen Weihnachtsfest vom 6.Januar - wurde und wird in der kirchlichen Liturgie die Darbringung des Jesuskindes im Tempel von Jerusalem gefeiert. Hauptperson des Festes ist natürlich das Kind, dann auch seine Mutter (Lichtmess oder Mariae Reinigung ist eine andere Tagesbezeichnung), aber in der Ostkirche wird nach dem Bericht des Lukasevangeliums besonders des alten Symeons gedacht, der das Kind in die Arme nehmen durfte und dann seinen Lobgesang " nunc dimittis" anstimmte. Auch eine prophetische Greisin war dabei, aber ihre Hymne ist leider nicht überliefert. Weil in Rom und im Abendland das Fest der Christgeburt auf den 25. Dezember verlegt wurde, mussten auch die 40 Tage zurückverschoben werden, so dass Jesu Darstellung im Tempel, seither am 2. Februar gefeiert wird. Darum ist halt der sonst wenig bekannte Valentin seit dem späten Mittelalter und vorallem seit dem 20.Jh. in die Lücke gesprungen. Das entsprechende Lichtmess-Bild, Nr.30 im Zyklus von Müstair, habe ich am 24.11.06 in meinem Blog abgebildet und besprochen (Bitte im Archiv nachsehen). Am 2. Februar werden üblicherweise Kerzen gesegnet, und am 14. sind jetzt Blumen angesagt. Der Frühling rückt ja jetzt noch näher. Also macht ruhig euren Liebsten ein kleines Geschenk! Ich würde auch gerne Blumen bekommen! Der Liebe und Freundschaft zu gedenken ist allemal richtig.

Dienstag, Februar 13, 2007

Beginn der Passion: Nacht am Oelberg und Gefangennahme


Gefangennahme Jesu in einer Reichenauer Handschrift des 10.Jh. (Codex Egberti)

Der "Leben Jesu Zyklus" von Müstair wird nun in der vierten Reihe der Nordwand mit sechs Bildern zur Passion fortgesetzt. Die Felder Nr.61 und Nr.62 sind sehr schlecht erhalten. Ich bilde sie daher heute zusammen in meinem Blog ab und bringe gleich zu Beginn eine gut vergleichbare Buchmalerei, die vielleicht auf die gleiche spätantike Vorlage zurückgeht wie das Fresko von Müstair.

Nr.61: Garten Getsemani. Jesus bittet die Jünger mit ihm zu wachen (Lukas 22,39-46)


Nr.62: Judaskuss und Gefangennahme Jesu (Lukas 22,47-53)

In beiden Szenen befindet sich Jesus im Zentrum des Bildes. von Nr.61 ist rechts ein Drittel des Feldes verloren. Von Nr. 62 fehlt das linke Drittel. Von Jesu Angst und Not im Garten Getsemani ist in allen vier Evangelien die Rede, aber da Jesus sich nur bei Lukas zweimal an die ganze Jüngerschar wendet mit der Mahnung: Betet dass ihr nicht in Versuchung kommt, muss hier die Lukasperikope zu Grunde liegen. Links im Bild Nr. 61 sind unter den Oelbäumen noch schwach viele Köpfe einer am Boden kauernden Gruppe zu sehen. Den Hintergrund bilden helle Bergkuppen vor nachtdunklem Himmel. Es ist anzunehmen, dass im zerstörten rechten Drittel des Bildfeldes einst Jesus ein zweites Mal als flehentlich Betender am Berghang knieend dargestellt war.
Bei Lukas 22, 47 heisst es dann: Während er noch redete, siehe da kam eine Schar, und der welcher Judas hiess, einer von den Zwölfen, ging ihnen voran und ging auf Jesus zu, um ihn zu küssen. Damit befinden wir uns schon im Bildfeld Nr. 62, das leider ebenfalls bis auf die grossflächige Untermalung abgerieben ist. Hier hilft nun die entsprechende, oben abgebildete Szene aus dem Codex Egberti weiter: man erkennt die dreifach verschränkte Gruppe von Jesus, Judas und dem vordersten Häscher im Bildzentrum. Der dichtgedrängte Haufen der Tempelwache und der Ältesten rechts aussen wird vom Stichbogen des Tores zum Oelgarten gerahmt. Die Malchus-Szene links zu der Jesus hinüberblickt, ist im Fresko verloren.

Sonntag, Februar 11, 2007

Die Fusswaschung



Müstair Südwand, Nr.60: Jesus wäscht den Jüngern die Füsse (Johannes 13, 1-20)

Wir wissen, dass Nr.59 und 60, also Abendmahl und Fusswaschung sinngemäss zusammengehören und dass diese Szenen nicht nur in Müstair ein Paar bilden, sondern meist auch in der Ikonenmalerei und der Buchillustration verbunden sind. Die anSynoptiker berichten nur vom Abendmahl und bei Johannes ist nur von der Fusswaschung ausführlich die Rede, während das Abendmahl diskret nur angedeutet wird.
Vom letzten Bildfeld der Südwand ist nur wenig mehr als die linke Hälfte erhalten, die aber ist meisterhaft gestaltet! Von einem flachen Bogen eingefasst ist die prachtvoll bewegte Gruppe von Jesus und einem sitzenden Jünger zu sehen. Jesus hat eine Schürze umgebunden und schickt sich an vor einem jugendlichen Apostel in die Knie zu gehen, der den rechten Fuss in eine Wasserschale gestellt hat. Die linke Hand Jesu ist offen nach unten ausgestreckt um den Fuss in der Schale zu fassen, die rechte ist sprechend erhoben. Der junge Mann - er ist nicht als Petrus charakterisiert - hat die rechte Hand staunend oder abwehrend erhoben, der linke Arm ist eng in den Mantel gewickelt, der Oberkörper vorgebeugt,das Gesicht ist so gedreht, dass er uns aus dem Bild heraus anblickt! Die Körperhaltung erweckt den Eindruck von Dreidimensionalität, die Bewegung ist geschmeidig und ausdrucksvoll. Links hinter Christus stehen zwei staunende Apostel, zwei andere sind hinter dem Sitzenden zu sehen, die restlichen sieben sind leider verloren. Gerne würde man wissen ob rechts aussen einst der Sandalenbinder zu sehen war, der in einer frühmittelalterlichen Buchmalerei zu dieser Szene gehört. Sicher ist nur, dass hier der Jünger, dem die Füsse gewaschen werden in der Mitte des Bildes steht und nicht wie zu erwarten wäre der impulsiv handelnde Jesus. Was ist also die zentrale Aussage dieser Szene?



Zum Vergleich zeige ich hier das Bild zur Perikope für Gründonnerstag (Johannes 13, 1-15): Abendmahl und Fusswaschung aus dem Reichenauer Perikopenbuch für Heinrich II (Anf. 11.Jh). Man beachte im Abendmalhlsbild aussen zu beiden Seiten die Aufwärter mit Weinkrug! Judas, der in die Schüssel greift, ist hier - entsprechend einer jüngeren Tradition - isoliert vorn an der Mitte des Tisches plaziert. In der Szene der Fusswaschung ist Jesus hier, gemäss der Auffassung der Zeit, nicht demütig dienend, sondern als der königliche Meister dargestellt. Im Zentrum des Bildes stehen eindeutig seine erklärenden Worte.

Freitag, Februar 09, 2007

Ein bedeutsames Bildpaar: Abendmahl und Fusswaschung


Müstair, Südwand Bild Nr.59: Das letzte Abendmahl (Matth.26,21-29; Markus, 14,18-25; Lukas 22,15-23)

Jesus hat sich durch die Erweckung des Lazarus als Herr über den Tod erwiesen, er ist als Davidssohn in Jerusalem eingezogen und er wurde von einer Frau zum König gesalbt. Nun sitzt er gross und königlich mit sprechend erobener Hand am oberen Ende des Sigmatisches im luftigen Obergemach um mit seinen Gefährten das Passahmahl zu feiern. Obwohl das Bild schlecht erhalten ist, kann man im Saal mit den Arkadenfenstern im Hintergrund zwölf merkwürdig tief sitzende, enggedrängte Gäste zählen (wahrscheinlich waren sie in der spätantiken Vorlage liegend dargestellt). Ganz rechts, auf dem zweiten Ehrenplatz, darf man den Petrus vermuten und ganz links aussen steht nicht etwa Judas, sondern ein Diener mit einem Krug oder einem Weinschlauch; er ist Zeuge des Geschehens, denn nicht das Mysterium der Einsetzung der Eucharistie ist hier dargestellt, sondern die Ankündigung des Verrats! Der Herr weiss, dass ihn einer der seinen, die mit ihm aus einer Schüssel essen, verraten wird. Und tatsächlich sieht man - undeutlich und verblasst - rechts von der Mitte einen über den Tisch ausgestreckten Arm. Ein Zipfel der oben in die Fenster geschlungenen Draperie hängt herunter und weist auf die (nicht mehr sichtbare) Schüssel, nach der einer der rechts aussen sitzenden Apostel greift. Es ist wohl Judas, der die vorbestimmte Sache des erlösenden Leidens schliesslich ins Rollen bringt. Es hätte aber jeder der Jünger sein können; warum sonst hätten sie fragen sollen: Herr, bin ich es? Tatsächlich weist ein weiterer Tuchzipfel auch auf den Jünger ganz rechts aussen, am zweiten Ehrenplatz! Wird nicht Petrus noch in der gleichen Nacht seinen Meister verleugnen?
Die entscheidende Aussage der Szene ist also die Machtfülle des Gottessohnes, das Wissen Jesu um seinen unausweichlichen Tod. Und die zugehörige nächste Szene, die Fusswaschung, zeigt wie er sich der Macht entäussert und zum Diener seiner Schüler wird. Warum ich das arg zerstörte Bild so gut lesen kann? Weil es viele von früher ostkirchlicher Ikonographie beeinflusste spätere Darstellungen gibt:

Elfenbeintäfelchen, Norditalien 11./12.Jh, Walters Art Gallery, Baltimore, USA




Nachzeichnung eines Emailmedaillons einer byzant.Abendmahlsschale,10./11.Jh,Privatsammlung Schweiz

Sonntag, Februar 04, 2007

Was geschah in Jerusalem bevor es zur Kreuzigung kam?


Klosterkirche Müstair: Wandschema der Südwand

Ich habe vorgestern die letzten beiden Bilder des dritten Registers der Nordwand besprochen. Sie schildern zwei selten dargestellte Szenen aus dem Leben Jesu und wecken den Wunsch nach weiteren spätantik geprägten Darstellungen. Doch nun folgt eine herbe Enttäuschung, denn von den nun folgenden Bildern der Südwand (Nr.53-60) sind nur die letzten beiden, nämlich Abendmahl und Fusswaschung, leidlich erhalten. Andere wichtige Szenen aus den letzten Tagen vor der Passion Jesu sind bis auf zwei kleine Fragmente verloren. Von der Nr.54, dem zweiten Feld der Reihe, ist nur der obere Mittelteil erhalten: Man sieht eine nach rechts weisende Hand und ziemlich weit oben eine (von einem Baum herabblickende?) relativ kleine Gestalt. Es könnte sich um den Zöllner Zachäus aus der Perikope Lk 19,1-10 handeln, der auf einen Baum gestiegen ist, um den Mann aus Nazareth zu sehen. Nr.55/56 bildeten ein doppelt breites Bildfeld über dem südlichen Eingangsbogen. Ob wohl hier einst die Auferweckung des Lazaraus zu sehen war? Denn über dem nördlichen Eingangsbogen gegenüber befindet sich das doppelt breite Bild der Kreuzigung, die ja letztlich als Sieg über den Tod verstanden wurde. Leider ist keine Spur erhalten, und ebensowenig von der Nr.57, wo man den Einzug in Jerusalem vermuten möchte. Von Nr.58 ist ein Fragment zu sehen, das die Salbung in Bethanien dargestellt haben könnte, die bei Matthäus 26,6-13 und bei Markus 14,3-9 erzählt wird und die bei Johannes 12,1-8 zwar mit der Fusssalbung bei Lukas vermischt wird, aber zeitlich in der Passionswoche angesiedelt ist. Und nun komme ich zu den beiden wichtigen Szenen Nr.59 und Nr.60, zum letzten Abendmahl und zur Fusswaschung! Das spare ich mir für morgen auf.