Montag, Dezember 25, 2006

Müstair und das Geheimnis von Weihnachten



Müstair Mittelapsis: Ankunft des "Wortes" zur Menschwerdung
(Christuskopf vom Restaurator verändert)


Da heute am 25. Dezember - und schon Wochen vorher - vom Kind in der Krippe die Rede war, von Ochs und Esel, von Hirten und Engeln und vom Stern von Betlehem, möchte ich nochmals auf die Darstellung in der Mittelapsis von Müstair zu sprechen kommen, die bisher nicht als Weihnachtsbild erkannt worden ist. Da das Antlitz Jesu nach der Freilegung der Fresken falsch renoviert worden ist, scheint heute ein strenger, bärtiger Allherrscher mit den himmlischen Heerscharen zum Gericht zu kommen. Ursprünglich trat aber eine bartlos jugendliche Gestalt mit Friedensszepter aus der doppelten Mandorla hervor und die begleitenden Engel mit bunt leuchtenden Nimben tragen keine Speere. Gemeint ist der ewige Gottessohn, der Logos, das Wort, das Licht der Welt, wie er im Johannesprolog, dem Evangelium zur Messe am Weihnachtstag verkündet wird. Ich habe mir eine Fotomontage erlaubt und den Kopf des jugendlichen Christus aus dem frühkarolingischen Godescalc-Evangelistar von 783 ins Apsisbild eingesetzt:



Diese Darstellung des jugendlichen, stehenden Logos zwischen Engeln ist in der Zeit zwischen 780 und 840 keineswegs selten und sie kommt in Oberitalien auch noch im 11.Jh. vor, allerdings meist als Illustration zum 90.Psalm unter der Bezeichnung "Psalmenchristus" oder "Christus Victor", weil der Heiland über Drachen und Löwen, Symbole der dunklen Mächte, schreitet. Diese könnten auch in Müstair einst vorhandengewesen sein, denn die unterste Partie des Bildes ist durch ein später eingebrochenes Rundfenster zerstört! Dass aber mit dem stehenden, bartlosen Christus die Ankunft des göttlichen Logos zur Inkarnation gemeint war, beweist meines Erachtens die häufige Verbindung mit Verkündigung und Heimsuchung! So wurde mit den nebeneinander gestellten Bildern von der göttlichen und der menschlichen Natur Jesu Christi das Weihnachtsgeheimnis anschaulich gemacht. Ich könnte dazu die Buchdeckel des Lorscher Evangeliars aus hochkarolingischer Zeit abbilden, bringe aber lieber das Elfenbeindiptychon von Genoels-Elderen, das etwa gleichzeitig mit den Müstairfresken im Maas-Moselgebiet geschaffen worden ist.
Oben: Ratschluss der Erlösung (Der ewige Logos kommt, von Engeln begleitet, als göttliche Natur Jesu in die Welt)
Unten: Verkündigung an Maria und Begegnung mit Elisabeth (Schwangerschaft als Ankunft der menschlichen Natur Jesu in der Welt)


Schreibtafeln oder Buchdeckel (Brüssel), letztes Drittel des 8.Jh.

Sonntag, Dezember 24, 2006

Die Taufe Jesu im Jordan (Epiphanie der Ostkirche)


Müstair Südwand, Bildfeld Nr. 38: Taufe Jesu

Das Bild ist arg zerstört; gleichwohl sind wichtige Einzelheiten der Szene noch zu erkennen: Jesus steht ganz nackt und unbewegt, mit herabhängenden Armen mitten im Jordan, dessen ausgezackte Ufer sich nach oben perspektivisch verjüngen. So ist angedeutet, dass er sich allen Ansehens und jeden Anspruchs entäussert hat. Er handelt nicht, er spricht nicht, er lässt es geschehen, dass Johannes ihn eintaucht in die Fluten. Vom Täufer, der von links herantritt, ist unten noch ein Fuss zu sehen und oben der nimbierte Kopf und die grosse rechte Hand auf dem Haupt Jesu. Darüber erscheint schräg von links oben der Geist Gottes in Gestalt einer Taube (Symbol der Liebe). Mir fällt auf, dass die Taube nicht im Zentrum lautlos schwebt, sondern knatternd und schwirrend heranbraust! Verkörpert sie doch die Ruach, den Atem Gottes. den Braus, der später an Pfingsten zu hören sein wird. (Tauben fliegen nicht lautlos, ihr Flügelschlag bewirkt ein beträchtliches Geräusch; ich höre es täglich auf dem Balkon.) - Rechts im Bild stand wohl einst eine Gruppe verehrender Engel; sie sind aber nicht mehr zu erkennen. Die zugrundeliegende Bibelstelle ist die gleiche wie beim zugehörigen vorausgehenden Bildfeld. Wesentlich ist der Satz: Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach "Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe" (Matthäus3, 13-17 und Parallelen bei Markus und Lukas und bei Johannes1,32-34) In der Ostkirche wird dieses Ereignis als Epiphanie (=plötzliches Aufscheinen der Gottheit) der heiligen Dreifaltigkeit als eigentliches Weihnachtsfest gefeiert: Der Vater spricht, der Geist braust, der Sohn ist leibhaftig zu sehen und zu fassen!
Im Hinblick auf die Verteilung der Themen innerhalb der gesamten Südwand ist anzumerken, dass sich das Bildpaar 37/38 senkrecht unter dem Paar 1/2 und 21/22 befindet: Dass die (zerstörte, aber hier angenommene) Salbung Davids durch Samuel (Nr.2) in Beziehung zur Taufe Jesu gesehen werden kann, leuchtet ein; aber was mag Sauls (freventliche) Opferhandlung in Bildfeld Nr.1 mit der Begegnung zwischen Jesus und Johannes zu tun haben? Und was war in Nr.21 einst zu sehen? Die Botschaft des Engels an Maria? Dann war im nächsten Feld zwingend die Begegnung zwischen Maria und Elisabeth, der Mutter des Täufers dargestellt. Oder zeigte Nr.1 die Botschaft des Engels an Joseph? Was folgte dann im Feld Nr.22? Vielleicht die Reise des Paars nach Betlehem? Da keine Fragmente erhalten sind, ist auch keine genaue Antwort möglich. Gewiss ist nur, dass das letzte Bildfeld dieses Registers Nr.28, die Anbetung des Kindes durch die Weisen aus dem Morgenland gezeigt haben muss, da das erste Feld auf gleicher Höhe an der Nordwand, Nr.29, deren Heimreise zeigt.

Dienstag, Dezember 19, 2006

Jesus verlangt von Johannes getauft zu werden


Müstair Südwand, Bild Nr.37, Begegnung zwischen Jesus und Johannes dem Täufer beim Jordan-Übergang.
Die ersten beiden Bildfelder des 3. Registers der Südwand, Nr.37 und 38 schildern die Vorgänge um die Taufe Jesu. In Nr.37 kommt Jesus zu Johannes an den Jordan und verlangt von ihm getauft zu werden. Johannes wehrt demütig ab: Ich habe nötig von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir? Jeus aber will sich wie alle andern dem Willen Gottes unterwerfen (Matth.3, 11-15/ Joh.1, 24-28/ Luk.3, 15-18). Die Gestalt Jesu ist hervorragend gezeichnet in Proportion und Bewegun; man beachte auch den nach hinten fliegenden, von der Luft gebauschten, Mantelzipfel! Diese Szene ist in zwei Hälften geteilt: im Zentrum steht ganz vorne an der Rampe der Bühne eine kurze Säule über der sich die Hände der handelnden Personen befinden, die sprechende Hand des jungen Jesus und die fragend geöffnete des sich demütig neigenden Johannes. Ist es eine Stele, also ein Gedenkstein, oder ein Rauchopferaltar? Was bedeutet das Schriftzeichen auf dem Kapitell, das die Deckplatte trägt? Ganz gewiss ist nicht die Taufsäule gemeint, die später im Wasser des Jordans von Christen errichtet wurde. Ebenso merkwürdig ist es, dass im Hintergrund nicht das offene Land zu sehen ist, sondernn ein prächtiges Gebäude. Welchen, in frühchristlicher Zeit viel besuchten Ort meint diese Architekturkulisse? Ist Bethel im Westjordanland gemeint, oder Bethanien im Ostjordanland? Ich habe zunächst das Bibellexikon von Herbert Haag konsultiert ohne genaueres zu erfahren, dann aber im Internet einiges über Bethanien in Jordanien gefunden, wo heute Ausgrabungen und die Taufstelle gezeigt werden. Die Säule oder Stele zwischen Jesus und Johannes ist gewiss auch hier ein "Zeuge des Geschehens". Kann mir jemand einen Vorschlag machen? Immerhin ist die Nr.37 das Vorspiel zum Bild der Taufe Jesu, die im Westen am Sonntag nach Epihanie gefeiert wird, in frühchristlicher Zeit und in der orthodoxen Kirche aber mit dem Dreikönigsfest und dem ersten Wunder bei der Hochzeit zu Kana eine Einheit bildet.


Müstair Südwand, Bild Nr.38: Taufe Jesu
Diese, leider nur fragmentarisch erhaltene, wichtige Szene werde ich morgen in einem neuen Post besprechen.

Mittwoch, Dezember 13, 2006

Johannes der Täufer bereitet Jesu öffentliches Auftreten vor


Müstair Nordwand, zweitoberstes Register, Bildfeld Nr 36

Das Feld Nr.36 ist das letzte dieser Reihe. Es leitet zur Ostpartie über, wo in der Hauptapsis die Ankunft des ewigen Gottessohnes zur Menschwerdung dargestellt ist(es ist das Bild zum Weihnachtsgottesdienst und sozusagen das Titelbild des gesamten Freskenprogramms! Siehe den Blog vom 19. Sept.). Wieder ist nur die untere Partie der Szene erhalten. Zu sehen ist die Predigt Johannes, des Täufers, der das Volk der umliegenden Orte zur Busstaufe aufruft (Luk.3, 1- 14). Die linke Hälfte zeigt im Vordergrund - also auf dem Bühnenstreifen!- einen zweistämmigen Baum in dessen Verzweigung ein Werkzeug liegt, und den in ausgreifender Schrittstellung predigenden Herold des kommenden Messias. Rechts steht eine Gruppe von Zuhörern in der die jüdische Oberschicht kennzeichnenden Gewandung mit breitem farbigem Saum. Zwischen beiden Hälften ist im Hintergrund vielleicht das Wasser des Jordans angedeutet. Der Baum mit der Axt fehlt selten in den Darstellungen des Täufers. Meist wird er als Anspielung auf das Drohwort des Johannes interpretiert. Da er aber hier nicht in die Hintergrundkulisse integriert ist, sondern deutlich als Protagonist auf der Bühne erscheint, deute ich ihn als Zeuge des Geschehens und als Kennzeichnung eines Pilgerortes in Palästina, nämlich der Stelle am Jordan, wo sich zwei Strassen bei einer Furt durch den Fluss kreuzenm. Dort soll der Prophet Elias, wie später auch sein Schüler Elischa, die Fluten mit seinem Mantel gespaltet haben (2 Könige 2, 8-15), kurz bevor er auf feurigem Wagen in den Himmel entrückt wurde. Dort soll auch Elischa ein in den Fluten versunkenes eisernes Beil wunderbarer Weise wiederbeschafft haben (2 Könige 6,1-7). Die hier veranschaulichte Bibelstelle ist die Perikope zur Liturgie des 3. Advents-Sonntags, der diese Jahr auf den 17. Dezember fällt.

Dienstag, Dezember 12, 2006

Der zwölfjährige Jesusknabe im Tempel


Müstair Nordwand, zweitoberstes Register, Bildfeld Nr.35

Obwohl das Bild schlecht erhalten ist, kann ich mit Sicherheit sagen, dass hier die Auffindung des Jesusknaben bei den Schriftgelehrten im Tempel dargestellt ist(Lukas 2,39-52). Man sieht die Unterkörper von drei auf einer Bank sitzenden Gestalten. Zwei sind in Gewänder mit farbigem Saum gekleidet, der dritte in rötlichem Gewand und etwas dunklerem Mantel hält eine Schriftrolle in der linken Hand und ist barfuss (oder trägt Sandalen). Dieser muss der Jesusknabe sein, der in der Tempelvorhalle mit den Lehrern diskutiert. Ganz rechts im Bild steht eine Frau in langem Kleid, das nur die beschuhten Fussspitzen frei lässt. Es ist Maria, die auf ihre vorwurfsvollen Worte: Warum hast du uns dies angetan? Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht, die irritierende Antwort erhält: Wusstet ihr nicht, dass ich im Haus meines (himmlischen!) Vaters sein muss? Die wesentliche Aussage der Szene ist hier also nicht die Klugheit und Redegewandtheit des Knaben, sondern das erwachende Bewusstsein um seinen Auftrag. Es heisst zwar, dass er mit seinen Eltern heimkehrte und ihnen untertan war, aber einige Jahre später wird er sich von seiner Familie distanzieren und sagen: wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? so berichten es übereinstimmend die synoptischen Evangelien. Wiedereinmal zeigt es sich, dass fast jedes Bild im Zyklus über sich selber hinausweist und zum weiterlesen und nachdenken auffordert.