Mittwoch, Dezember 13, 2006

Johannes der Täufer bereitet Jesu öffentliches Auftreten vor


Müstair Nordwand, zweitoberstes Register, Bildfeld Nr 36

Das Feld Nr.36 ist das letzte dieser Reihe. Es leitet zur Ostpartie über, wo in der Hauptapsis die Ankunft des ewigen Gottessohnes zur Menschwerdung dargestellt ist(es ist das Bild zum Weihnachtsgottesdienst und sozusagen das Titelbild des gesamten Freskenprogramms! Siehe den Blog vom 19. Sept.). Wieder ist nur die untere Partie der Szene erhalten. Zu sehen ist die Predigt Johannes, des Täufers, der das Volk der umliegenden Orte zur Busstaufe aufruft (Luk.3, 1- 14). Die linke Hälfte zeigt im Vordergrund - also auf dem Bühnenstreifen!- einen zweistämmigen Baum in dessen Verzweigung ein Werkzeug liegt, und den in ausgreifender Schrittstellung predigenden Herold des kommenden Messias. Rechts steht eine Gruppe von Zuhörern in der die jüdische Oberschicht kennzeichnenden Gewandung mit breitem farbigem Saum. Zwischen beiden Hälften ist im Hintergrund vielleicht das Wasser des Jordans angedeutet. Der Baum mit der Axt fehlt selten in den Darstellungen des Täufers. Meist wird er als Anspielung auf das Drohwort des Johannes interpretiert. Da er aber hier nicht in die Hintergrundkulisse integriert ist, sondern deutlich als Protagonist auf der Bühne erscheint, deute ich ihn als Zeuge des Geschehens und als Kennzeichnung eines Pilgerortes in Palästina, nämlich der Stelle am Jordan, wo sich zwei Strassen bei einer Furt durch den Fluss kreuzenm. Dort soll der Prophet Elias, wie später auch sein Schüler Elischa, die Fluten mit seinem Mantel gespaltet haben (2 Könige 2, 8-15), kurz bevor er auf feurigem Wagen in den Himmel entrückt wurde. Dort soll auch Elischa ein in den Fluten versunkenes eisernes Beil wunderbarer Weise wiederbeschafft haben (2 Könige 6,1-7). Die hier veranschaulichte Bibelstelle ist die Perikope zur Liturgie des 3. Advents-Sonntags, der diese Jahr auf den 17. Dezember fällt.

Dienstag, Dezember 12, 2006

Der zwölfjährige Jesusknabe im Tempel


Müstair Nordwand, zweitoberstes Register, Bildfeld Nr.35

Obwohl das Bild schlecht erhalten ist, kann ich mit Sicherheit sagen, dass hier die Auffindung des Jesusknaben bei den Schriftgelehrten im Tempel dargestellt ist(Lukas 2,39-52). Man sieht die Unterkörper von drei auf einer Bank sitzenden Gestalten. Zwei sind in Gewänder mit farbigem Saum gekleidet, der dritte in rötlichem Gewand und etwas dunklerem Mantel hält eine Schriftrolle in der linken Hand und ist barfuss (oder trägt Sandalen). Dieser muss der Jesusknabe sein, der in der Tempelvorhalle mit den Lehrern diskutiert. Ganz rechts im Bild steht eine Frau in langem Kleid, das nur die beschuhten Fussspitzen frei lässt. Es ist Maria, die auf ihre vorwurfsvollen Worte: Warum hast du uns dies angetan? Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht, die irritierende Antwort erhält: Wusstet ihr nicht, dass ich im Haus meines (himmlischen!) Vaters sein muss? Die wesentliche Aussage der Szene ist hier also nicht die Klugheit und Redegewandtheit des Knaben, sondern das erwachende Bewusstsein um seinen Auftrag. Es heisst zwar, dass er mit seinen Eltern heimkehrte und ihnen untertan war, aber einige Jahre später wird er sich von seiner Familie distanzieren und sagen: wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? so berichten es übereinstimmend die synoptischen Evangelien. Wiedereinmal zeigt es sich, dass fast jedes Bild im Zyklus über sich selber hinausweist und zum weiterlesen und nachdenken auffordert.

Sonntag, Dezember 10, 2006

Der Kindermord in Betlehem

Müstair Nordwand Nr.33, Foto U.P.S. San Francisco, 2006



Im Gegensatz zu den beiden gut erhaltenen vorausgehenden Feldern, sind vom nächsten Bildpaar nur noch Fragmente erhalten. Nr.33 lässt die grausame Szene der Tötung der Kleinkinder erahnen. Man sieht links zwei auf dem Boden sitzende Frauen, die ihre Kleinen beweinen; die weiss gekleidete im Vordergrund mit ihren Wickelkind im Schoss. Rechts steht breitbeinig ein Kriegsknecht inmitten einer Anhäufung von Kinderleichen. Im Bildfeld Nr.34, das wegen eines karolingischen Fensters etwas schmäler als die andern ist, befindet sich links ein Hofbeamter in langem Gewand vor dem Thron des Herodes und rechts aussen sieht man gerade noch den Rundschild eines Leibwächters. Von König Herodes, der sich offenbar in einer heftigen Befehlsgeste nach links wendet, sind nur noch die Füsse und Unterschenkel auf dem Thron-Podium erhalten. Am 27.-29. Dezember wurde schon früh der Gedenktag für die Unschuldigen Kinder begangen. Er wurde sogar als Fest gefeiert, da man sich diese ersten für Christus gestorbenen Blutzeugen als glücklich in himmlischen Gefilden lebende Paradieskinder dachte. Bei der grossen Kindersterblichkeit war es vielleicht sogar ein Trost für die trauernden Eltern sich vorzustellen, dass ihre Kleinen im Jenseits von fröhlichen Spielgefährten empfangen wurden. Darum gab es wohl zu allen Zeiten viele sehr ausführliche Darstellungen des blutigen Geschehens von Betlehem.



Nr.34 Herodes befiehlt die Tötung der Kinder, Foto U.P.S. San Francisco, 2006

Auch die letzten beiden Bildfelder sind durch den Gewölbeeinbau stark zerstört und schwer lesbar. Hilfreich sind da ähnliche Szenen aus der frühmittelalterlichen Elfenbeinkunst und Buchmalerei. Zur Zeit bin ich allerdings noch nicht im Stand meine ergänzenden Strichzeichnungen zu den Bildfeldern dieser Reihe 29 - 36 einzuscannen. Ich werde das aber gelegentlich nachholen.

Es dürfte nun deutlich geworden sein, dass in diesem zweiten Register der Nordwand eine fortlaufende Erzählung der Kindheitsgeschichte Jesu angestrebt ist, ohne dass deswegen auf das sinndeutende Ordnungsprinzip von je zwei gedanklich zusammengehörenden Szenen verzichtet wird.

Samstag, Dezember 09, 2006

Die Flucht nach Aegypten und das Rahel-Grab

Müstair Nordwand Bild Nr.32: Die Flucht nach Aegypten. Foto U.P.S. San Francisco, 2006

Nr.31 und Nr.32 sind durch das karolingische Fenster zwischen beiden Szenen eher verbunden als getrennt. Das Bild der Flucht nach Aegypten hat kein betontes Zentrum, sondern ist in 2 Hälften geteilt: links bilden Maria mit dem Kind auf einem Maultier und ein junger Mann mit einem Sack über der Schulter eine kompakte Gruppe, die von einem Bogen im Hintergrund gerahmt wird. Rechts schreitet Joseph, der das Reittier am Zügel führt, auf einen kleinen Kuppelbau zu, der, im Vordergrund auf der schmalen Bühne stehend, eine wichtige Rolle zu spielen hat, also nicht Beiwerk ist, sondern Protagonist. Es handelt sich um eine offene Aedicula über dem gewachsenen Erdboden, die nicht zur Hintergrundkulisse gehört, die die Stadt Betlehem andeutet, sondern eindeutig einen besonderen Ort bezeichnet. Ich halte dafür, dass es sich um das "Rahelgrab" handelt, das nach alter Ueberlieferung ausserhalb der Stadt als Gedenkstätte verehrt und immer wieder neu aufgebaut wurde. Auf einer Reise durch Jordanien und Syrien habe ich mehrfach solche offene kleine Kuppeln gesehen, die von unserem Reiseführer als "Heiligengrab" bezeichnet wurden. Die heilige Familie wird den Ort nicht betreten, aber er ist ihr Anlass zum Gespräch. Das etwa zweijährige Jesuskind ( der Maler hat den Text genau gelesen!) beugt sich auf dem Schoss der Mutter vor und zeigt mit dem Finger fragend auf das kleine Gebäude am Strassenrand. Joseph gibt mit seiner grossen im Sprechgestus erhobenen Hand die Antwort, die im Evangelientext steht und die den Propheten Jeremias zitiert: Eine Stimme hört man in Rama, viel Weinen und Wehklagen: Rachel weint um ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen, weil sie nicht mehr sind. Gemäss einem Kommentar in der Jerusalemer Bibel ist dies als ein prophetischer Hinweis auf den betlehemitischen Kindermord zu verstehen. Tatsächlich schildern die beiden nächsten Bildfelder in Müstair ( Nr.33 und 34) in drastischer Darstellung sowohl das Gemetzel als den König Herodes, der den Befehl dazu erteilt. Die hier nachzulesende relativ kurze Perikope, die Anlass zu vier aufeinanderfolgenden Szenen gab, ist Matthäus 2, 13 -18.

Freitag, Dezember 08, 2006

Müstair St. Johann und die düstere Seite der Weihnachtsgeschichte

Foto von U.P.S. San Francisco, 2006
Die freudig gestimmten Bilder der Südwand mit der Geburt des Messias-Kindes, Engelsbotschaft an die Hirten und Anbetung der "heiligen drei Könige" sind nicht erhalten. Wie öfter im frühen Mittelalter finden sich an der Nordwand die düsteren Aspekte der biblischen Erzählungen versammelt. Nr.29 zeigt die drei Weisen, die, von einem Engel gewarnt,
nicht nach Jerusalem zu König Herodes zurückkehren, sondern direkt in ihre ferne Heimat zurückreiten. Nr.31 -34 (Matth.2, 12 - 18) berichten ausführlich vom betlehemitischen Kindermord und die dazwischen eingeschobene "Darstellung des Kindes im Tempel (Nr.30)" enthält in den Worten des alten Simeon, die bei Luk. 2, 34-35 nachzulesen sind einen Hinweis auf das künftige Leiden Marias und ihres Sohnes!
Nr 31 zeigt das Traumgesicht Josephs ( Matth.2, 13) Das heute zum grössten Teil hinter der Orgel verborgene Bildfeld ist durch ein karolingisches Fenster mit hübscher Vogelranke in der Laibung beschnitten. Man sieht den in einem gedrechselten Bett schlafenden Joseph, Kopf und Flügel des links oben erscheinenden Engel und unter dem Fenster die angedeutete Stadt Betlehem; im Titulusstreifen darunter ist vom Begleitvers noch das Wort Egipto zu lesen. In der nächsten Szene, Nr 32 hat sich die Familie schon auf den Weg gemacht um der Warnung des Engels Folge zu leisten. Wir sehen ein ganz besonders gestaltetes Bild der Flucht nach Aegypten, das direkt auf die anschliessende grausame Darstellung des Kindermordes von Betlehem Bezug nimmt.