Sonntag, Dezember 03, 2006

Der Liber Viventium Fabariensis und der Vierpass als Symbol der himmlischen Herrlichkeit

Die Herrlichkeit Gottes - kann man sie andeuten? Das ungeschaffene Licht - was ist das?
Die hebräische Bibel sagt, dass Jahwe, der unsichtbare Gott, in dem von ihm ausgehenden, unzugänglichen Licht wohnt: im Glanz (kabod)! In der griechischen Uebersetzung wird das hebräische Wort "kabod" mit Ruhm, Ehre, Lichtglanz (doxa) wiedergegeben; lateinisch liest man gloria (Ehre, Ruhm, Lichtglanz). Und in der deutschen Annäherung heisst das dann zuweilen: die himmlische Herrlichkeit! Gibt es eine Möglichkeit diesen Nicht-Ort, diesen Glanz, diese Ausstrahlung symbolisch darzustellen? Ich behaupte: ja.
Als ich vor vielen Jahren an einem Buch über den sogenannten "Liber Viventium von Pfäfers" beteiligt war und den künstlerischen Schmuck dieser frühmittelalterlichen Handschrift beschreiben und analysieren sollte, ist mir im wahrsten Sinn des Wortes ein Licht aufgegangen. Das Buch an dem diverse Autoren mitarbeiteten ist nie erschienen. Der Ersatz, der in erstaunlichem Alleingang von einem einzelnen Kunsthistoriker geleistet wurde und der nun das Faksimile des Pfäferser Memorialbuches als Kommentarband begleitet, datiert den Codex zu spät, verneint eine Entstehung in mehreren Phasen und geht auf die ursprüngliche Bedeutung der vier ganzseitigen „Evangelisten-Bilder“ kaum ein. Der Aspekt des Vierpasses als Symbolform wird nicht erwähnt (Anton von Euw: Liber Viventium Fabariensis, Frankeverlag, Bern/Stuttgart 1988).

Dass der Vierpass mehr als eine Schmuckform ist und nicht nur die Einheit der vier Evangelien andeutet, sondern ursprünglich wirklich den Gottesglanz, die himmlische Herrlichkeit symbolisiert, kann ich hier nicht ausführlich begründen. Ich verweise lediglich auf die vierpassförmigen Rhipidien ( Hoheitszeichen, die in der georgisch-orthodoxen Liturgie die Anwesenheit der von Engelwesen begleiteten, unsichtbaren Gottheit darstellen) und sodann auf die zahlreichen Vierpässe, die auch im Abendland etwa seit dem 12.Jh. die Heiligen umschliessen, die nach ihrem Tod in den Himmel eingegangen und somit bei Gott sind.

In Vertretung des reichen Buchschmuckes des im letzten Viertel des 8.Jh als bischöfliches liturgisches Gedenkbuch begonnenen"Liber Viventium" (Buch der lebenden und verstorbenen Freunde und Wohltäter, die in der Messliturgie namentlich erwähnt werden sollen) bilde ich hier die Titelseite zum Markus -Evangelium ab (p.52 des Faksimile-Bandes). Man blickt in einen orientalischen Paradiesgarten: Unter einem hufeisenförmigen flächigen Bogen schwebt ein Vierpass mit einem geflügelten Löwen über einem Pflanzen-und Vogelmotiv. Nun muss man wissen, dass die sogenannten Evangelistensymbole ursprünglich Bildgestalten Christi und seiner im jeweiligen Evangelium hervorgehobenen Eigenschaften waren: seine Menschlichkeit, seine königliche Machtfülle, sein Priestertum und seine göttliche Natur! Trotz der Beischrift Evangelista oder Apostolus ist also im dargestellten Wesen Jesus Christus selber gemeint und der ihn rahmende Vierpass zeigt ihn in seiner Einheit mit dem Vater in der göttlichen Herrlichkeit. Die Vierpassform war im jüdischen Umfeld einst wohl ein Ideogramm, eine abgekürzte und vereinfachte graphische Darstellung des in der Ezechielvision geschilderten vierrädrigen Thronwagens Gottes.

Oben ist die grosse Initiale zum Te-igitur im Messkanon des Remediussakramentars zu sehen. Sie steht dort auf p.368, wo unten auch der Gedenkeintrag für Bischof Remedius zu finden ist. Unten zeige ich - leider in einer schwarz-weiss Fotographie - die Doppelarkade von p.65 im Liber Viventium, die den Memorialteil zu Markus eröffnet (einst eine leere Zierseite ohne Namenseinträge). Man beachte die Ähnlickeit des kunstvollen Flechtwerks (Doppelklick auf das Bild zwecks Vergrösserung) in den beiden Handschriften! Sollten sie wirklich in einem Abstand von ca. 40 Jahren geschaffen worden sein? War da nicht ein und der selbe Künstler am Werk?

Das mit einem Kurz-Evangeliar, mit 4 Titelbildern und mit 4 Eingangstoren aus feinstem Flechtwerk versehene und von zahlreichen Bogenrahmen für Namenslisten begleitete Memorialbuch war ursprünglich rein zeichnerisch gestaltet. Es gehörte, wie ich meine, einst dem Bischof Remedius von Chur, dessen vor 785 zu datierendes Sakramentar einen ähnlichen Schriftcharakter und ähnliche Schmuckelemente aufweist. Erst nach dessen Tod im Jahr 820 gelangte es in den Besitz der Abtei Pfäfers, wo es auseinandergenommen, neu zusammengesetzt, farbig ausgemalt und schliesslich zum klösterlichen Traditionscodex umfunktioniert wurde. Vermutlich wurden damals einige ältere Lagen mit Namenseinträgen entfernt und durch rasch gezeichnete Bögen ersetzt. Die vier zu den Titelbildern passenden feingearbeiteten, einst leeren Doppelarkaden mit kunstvollem Flechtwerk wurden erst im mittleren und späten 9.Jh. mit Namenslisten gefüllt.

Sonntag, November 26, 2006

Morning has broken.... (gälisches Volkslied)

Heute will ich nicht alte Bilder beschreiben, sondern meine heitere, gelöste Stimmung. Letzte Woche hatte ich Geburtstag und trauerte nicht der vergangenen Zeit nach, und empfand mich nicht als uralt (was ich eigentlich bin!), sondern freute mich über jede Begegnung, über die sonnigen Novembertage und darüber, dass ich überhaupt noch lebe. Es geht mir gut. Ich habe intensive Träume. Ich lerne täglich Neues, erinnere mich an Altes, stelle neue Fragen ... und versuche nicht mehr die endgültige Antwort zu finden. Das kann sich plötzlich ändern. Aber wozu grübeln? Was ist ,das ist, und was kommen wird das kommt. Und vorläufig ist jeder Tag ein Geschenk!
Das gälische Volkslied, das als Titel über meinem Post steht, wurde heute von jungen Burschen und Mädchen in der Kirche gesungen. Ich bin eigentlich nur hingegangen weil ich einen versprochenen Text holen wollte - und bin beglückt und beschenkt heimgekommen. Seltsam wie meine römisch-katholischen Wurzeln, die ich für vertrocknet und hinderlich hielt, sich wieder in den Boden senken und versuchen Fuss zu fassen. Von Reprobus war die Rede, der zum Chritophorus wurde und den es so gar nicht gab - er wurde von Rom aus dem Heiligenkalender gestrichen - und dem man doch immer wieder begegnen kann, sogar in sich selber. Die alten Heiligen bilden ein worldwide web und lachen über unseren aufgeklärten Skeptizismus ... Hat sich doch ausgerechnet heute der Fundbüro-Antonius wiedereinmal manifestiert und mich durch einen schier unglaublichen Zufall an ein nicht eingelöstes Versprechen erinnert...

Freitag, November 24, 2006

Ein Licht für die Völker und Israels Glanz


Müstair Nordwand, Bereich der Nonnenempore
Unten: siehe die beiden letzten Posts. Oben: Nr 29 Heimreise der 3 Weisen Nr.30 "Lichtmess" = Darstellung des Kindes im Tempel (griechisch:Hypapante = Begegnung mit Simeon) Foto aus dem Schweizerischen Kunstführer für Müstair, Nr 384/385,1986, S.17

Die Bilder der Kindheitsgeschichte Jesu an der Südwand (Nr 21-28) sind alle verloren. Man weiss nicht einmal ob sie mit der Verkündigung an Maria begonnen haben, oder - falls sich Verkündigung und Heimsuchung beidseits der Mittelapsis an der Stirnwand befunden haben - mit der Engelsbotschaft an Joseph. Aber die letzte Szene (Nr.28) muss die Anbetung der Magier aus dem Osten dargestellt haben, denn das erste Bild an der Südwand (Nr.29) zeigt diese auf der Heimreise. Es ist zwar nur als Fragment erhalten, aber man sieht deutlich drei nach links, also in der Gegenrichtung der Erzählung, schreitende Pferde und die mit engen Hosen bekleideten Beine der beiden hinteren Reiter. Gemäss dem Text von Matthäus 2,12 erhielten die Magier oder Sterndeuter im Traum die Weisung nicht zu Herodes zurückzugehen, sondern auf einem anderen Weg in ihr Land heimzukehren. Dort verkündeten sie alsbald, was sie in Betlehem gesehen hatten: den neugeborenen König der Hebräer, ein Licht für die Völker. Sie wurden die ersten Herolde Jesu Christi.(So berichten es ostkirchliche Hymnen zu Epiphanie)



Feld Nr.30: Darstellung des Kindes im Tempel.

Im Text Matth.2, 13 schliesst nun sogleich Josephs Traum und die Flucht nach Aegypten an, sowie der Bericht vom Kindermord zu Betlehem. In Müstair aber ist die Darstellung des Kindes im Tempel dazwischen geschoben, weil die Begegnung mit den beiden frommen alten Israeliten, Simeon und Hanna, so wichtig ist. Denn sie hatten Ohren zu hören und Zungen zu künden,, was sie gesehen hatten. (Lukas 2, 25-38) Auch dieses Bild ist nur in seiner untern Partie erhalten, doch kann man es mit Hilfe von Vergleichen rekonstruieren: Links stehen zwei Frauen, eine in dunklem Gewand und hellem Mantel (Hanna) und eine in rötlichem KLeid, die ein Kleinkind in den Armen trägt, von dem allerdings nur noch das Kleidchen und zwei kleine beschuhte Füsse zu sehen sind. Das Kind wird von Simeon in Empfang genommen, der sich mit verhüllten Händen und gebeugten Knieen eilends von rechts her naht.


Russische Ikone (15.)nach sehr alter Vorlage: Hypapante = Begegnung. Von rechts kommt Symeon, hinter Maria steht die greise Hannah.

Wichtig zum Verständnis für den Sinngehalt der Bilder Nr 29 und 30 ist der Lobgesang Simeons: Jetzt lässt du deinen Sklaven in Frieden ziehen, Herr, gemäss deinem Wort. Meine Augen haben das Rettende gesehen, das du vor allen Stämmen Israels bereitet hast: Licht zeigt sich den Heidenvölkern und Glanz deinem Volk, Israel.

Donnerstag, November 23, 2006

Ephata - öffne dich, höre und sprich!




Nr.46 Jesus heilt einen Taubstummen (Markus 7,31-37) Bild aus Gnädinger/Moosbrugger:Müstair, Zürich 1994, S.71

Stand im vorausgehenden Bild die Gestalt Christi, des messianischen Retters im Zentrum, so ist es hier seine Hand im Mund des Stummen zu dem er sagt: Ephata, tu dich auf! Drastisch wird im Markustext geschildert, wie Jesus die stammelnde Zunge des Bittenden mit Speichel berührt und wie der Gehörlose daraufhin wunderbarerweise sogleich richtig sprechen kann. Und bildete vorhin ein ganzes Stadttor die Hintergrundskulisse, so sind es nun einzelne Versatzstücke, die Gruppen und Einzelfiguren hervorheben und betonen. Mir scheint, dass der Maler für die Blindenheilung eine spätantike Vorlage benützte, während die Szene von der Heilung des Taubstummen für das im Bildprogramm vorgesehene Bildpaar in mittelalterlichem expressivem Stil neu konzipiert wurde. Dass es hier um mehr geht, als um einzelne Heilungswunder, wird ersichtlich wenn man die beiden Szenen im Register darüber betrachtet und nach ihrem hier gemeinten Sinn fragt. Sie gehören zur Kindheitserzählung und lassen sich, obwohl nur fragmentarisch erhalten, mit Hilfe von Vergleichen gut rekonstruieren. Es sind dies Nr. 29: die Heimreise der Weisen aus dem Morgenland und Nr.30: der prophetische Lobgesang des alten Simeon anlässlich der vom mosaischen Gesetz gebotenen Vorstellung des erstgeborenen Kindes im Tempel von Jerusalem. Diese Bilder und weitere sechs Fragmente werde ich in den folgenden Tagen besprechen.

Sonntag, Oktober 29, 2006

Begegnung am Stadttor von Jericho

Die Erinnerung an einen Tag in Jericho anlässlich einer Jordanienreise veranlasst mich, nach einem längeren Unterbruch die Tagebucheintragungen zu meinen Müstairer Studien heute wieder auf zu nehmen. Denn heute, am 29. Oktober, wurde im Gottesdienst gemäss der liturgischen Ordnung die Perikope von einem blinden Bettler in Jericho gelesen, der den Nazarener, der eben die Stadt in Richtung Jerusalem verlassen wollte, durch lautes Schreien auf sich aufmerksam machte (Markus 10, 46-52)


Bild Nr 45 an der Nordwand: Jesus und die Blinden von Jericho. Abbildung aus Gnädinger/Moosbrugger, Zürich 1994, S.70

Als erstes fällt auf, dass hier zwei gestikulierende blinde Bettler am Stadttor sitzen! Es ist also nicht die eben erwähnte Markusperikope dargestellt, sondern eine Parallelstelle bei Matthäus (Mat.20,29-34). Was hat wohl den Schöpfer des Bildprogramms veranlasst, diese Version der Erzählung zu wählen? Vergleichen wir die beiden Textstellen, so wird ersichtlich, dass bei Markus ein Individuum im Zentrum steht, das seine ganze Hoffnung auf Jesus setzt, bei Matthäus aber geht es eher allgemein um den messianischen Auftrag des Davidssprosses das Licht der Welt zu sein und den Menschen die Augen zu öffnen. Darum ist im Bild von Müstair nicht der Moment der Blindenheilung dargestellt, sondern Jesus erscheint, machtvoll ausschreitend, von der lichten Öffnung des Stadttors gerahmt, zwischen dem staunenden Volk und den beiden Blinden, die "Erbarme dich unser,Sohn Davids" schreien (das Bildfeld ist links aussen durch einen gotischen Wandpfeiler beschnitten). Und dass mit Jesus die messianische Zeit angebrochen ist, wo "Stumme reden, Verkrüppelte gesund werden, Lahme gehen und Blinde sehen" (Matth.15, 29-31)zeigt sogleich das nächste Bild Nr.46, wo mit der Heilung des Taubstummen wieder das obligate Bildpaar nebeneinander gestellt ist.
Vom Gedankenreim oder Parallelismus, einer rhetorischen Form, die sich oft im hebräischen Sprachstil und dort vor allem in den Psalmen findet, war schon beim Versuch den Davidszyklus zu rekonstruieren die Rede. Das Wissen darum hilft auch beim Benennen der nur fragmentarisch erhaltenen neutestamentlichen Szenen im Bilderzyklus von Müstair, von denen in den nächsten Wochen die Rede sein wird. Zunächst habe ich aber, ausserhalb der mit Nr.29 einsetzenden Reihe links oben an der Nordwand, mit einem vorzüglich erhaltenen Bilderpaar begonnen, das sich im Bereich der Klausur auf der Nonnenempore befindet und darum den Besuchern der Klosterkirche nicht zugänglich ist: Nr. 45 und 46 an der Nordwand: Jesus öffnet den Blinden die Augen und dem Tauben die Ohren und den Mund.